Zehn Tage Island, fünf Fahrräder, ein altes Hardtail und viel zu viel Gepäck. Nach dem Studium wollten wir nicht direkt in den Alltag starten, sondern noch einmal raus: quer durch das Hochland, dorthin, wo die Straße aufhört und aus einer Reise ein kleines Abenteuer wird. Ich schreibe diesen Artikel aus der Retrospektive, weil ich noch heute gern daran zurückdenke.

Am Ende standen rund 400 Kilometer und etwa 3.700 Höhenmeter auf dem Tacho. Wichtiger als die Zahlen sind aber die Bilder, die geblieben sind: Gegenwind, der sich wie eine Wand anfühlte. Regen, der irgendwann einfach Teil des Tages war. Heiße Quellen mitten in einer kalten Steinwüste. Und ein aufgerissener Reifen an einem Ort, an dem der nächste Fahrradladen sehr weit weg war.

Die Idee: einmal quer durchs Hochland

Die Idee kam von meinem Kumpel Jonas. Sein Onkel war eine ähnliche Tour schon mal gefahren und plante im Sommer eine weitere Tour durchs Hochland. Nach dem Studium klang das nach genau der richtigen Mischung aus Abschied, Freiheit und Größenwahn. Wir buchten Flüge nach Keflavík – Fahrradtransport inklusive – und irgendwann wurde aus einer vagen Idee plötzlich Abreisetag.

Mein altes Hardtail bekam neue Reifen und einen Gepäckträger. Für Trailrunden war es längst nicht mehr mein Lieblingsrad, für Island aber genau richtig: robust, reparierbar und nicht zu schade für Schotter, Regen und Furten.

Vorbereitung: Gewicht wird unterwegs real

Für eine Hochlandtour muss Essen gut geplant sein. Zwischen den größeren Orten gibt es keine Supermärkte, also mussten wir Verpflegung für viele Tage transportieren. Das bedeutete: Müsli mit Milchpulver zum Frühstück, Trekkingmahlzeiten, Nudeln mit Thunfisch, Nüsse und alles, was möglichst viele Kalorien bei möglichst wenig Gewicht versprach.

MahlzeitVerpflegung
FrühstückMüsli, Milchpulver und heißes Wasser
HauptmahlzeitenTrekkingmahlzeiten oder Nudeln mit Thunfisch
SnacksNüsse und weitere haltbare Kleinigkeiten
WasserTäglich auf Campingplätzen oder aus fließenden Gewässern aufgefüllt

Trotzdem wog allein das Essen für zehn Tage knapp acht Kilogramm – ohne Wasser. Zusammen mit Zelt, Schlafsack, Kocher, Kleidung, Werkzeug und Ersatzteilen lagen wir bei ungefähr 30 Kilogramm Gepäck pro Person. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von Bikepacking und wollten einfach auf alles vorbereitet sein.

Bei Werkzeug und Ersatzteilen haben wir bewusst auf Redundanz gesetzt, ohne dass alle alles mitnehmen mussten:

  • Multitool, Leatherman, Pumpe und Reifenheber
  • Flicken, Ersatzschlauch und Ersatzschaltauge
  • Ersatz-Züge für Bremse und Schaltung
  • Panzertape, Kabelbinder und ein Sortiment kleiner Schrauben

Rückblickend war das die richtige Entscheidung. Im Hochland ist nicht entscheidend, ob das Equipment elegant aussieht. Entscheidend ist, ob es dich nach einer Panne weiterbringt.

Ankunft in Keflavík: erst schrauben, dann fahren

Ende Juli landeten wir bei bestem Wetter in Keflavík. Im Bike Pit am Flughafen bauten wir die Räder wieder zusammen, verstauten das Gepäck und prüften ein letztes Mal, ob alles noch funktionierte. Unsere Räder waren für den Flug in Luftpolsterfolie eingewickelt, was günstig war und erstaunlich gut funktioniert hat.

Die erste Etappe startete spät am Abend und führte über rund 42 Kilometer nach Hafnarfjörður. Gas für die Kocher hatten wir unterwegs noch gekauft – unnötig, wie sich später herausstellte. Auf dem Campingplatz bekamen wir Kartuschen von Radreisenden, die auf dem Rückweg waren und sie nicht mit ins Flugzeug nehmen konnten.

Die erste Nacht war auch der erste Island-Moment: Gegen 22:30 Uhr saßen wir noch draußen, es war hell genug und irgendwie begann die Zeit ihren normalen Takt zu verlieren.

Vom Regen zum Gegenwind

Am zweiten Tag ging es über Nesjavellir nach Þingvellir. Rund 75 Kilometer und 800 Höhenmeter, fast durchgehend Regen. Das war ein Tag, der einem direkt das raue Wetter Islands entgegenschleuderte: Regenkleidung an, Kopf runter, weiterfahren.

Þingvellir war am nächsten Morgen ein harter Kontrast zur Einsamkeit auf dem Rad. Die Almannagjá-Schlucht ist beeindruckend, aber als Teil des Golden Circle entsprechend voll. Wir nahmen uns trotzdem Zeit für den Ort, bevor es Richtung Haukadalur und Geysir weiterging.

Dort kam statt Regen der Wind. Kein bisschen Gegenwind, sondern dieses isländische Dauerdrücken, bei dem selbst die kleinsten Gänge zu groß wirken. Auf etwa 65 Kilometern und 400 Höhenmetern fuhren wir gefühlt deutlich weiter als auf dem Tacho. Wenn ich hätte wählen können, wäre ich sofort zum Dauerregen vom Vortag zurückgewechselt.

Neben dem berühmten, inzwischen meist ruhigen Geysir spuckt Strokkur zuverlässig in den Himmel. Wir schauten uns das imposante Naturschauspiel an und fuhren weiter Richtung Hochland.

Ab Gullfoss beginnt das Hochland

Gullfoss war die letzte große Station des Golden Circle. Gewaltige Wassermassen, viel Gischt, sehr viele Reisebusse. Schön – aber für uns vor allem der Punkt, an dem es weitergehen sollte.

Hinter dem Wasserfall wurde es schnell leer. Ein Schild machte klar, dass ab hier Allradantrieb empfohlen wird. Für uns bedeutete es: weniger Verkehr, mehr Schotter und die ersten richtigen Hochlandkilometer.

Die Landschaft wechselte auf erstaunlich kurzer Strecke. Erst Seen und grüne Flächen vor den Gletschern, dann karge Steinwüste, breite Täler und eine Kulisse, die eher nach Mond als nach Europa aussah. Die Fahrt zu Árbúðir war mit rund 60 Kilometern und 650 Höhenmetern nicht die härteste Etappe, aber eine der eindrücklichsten. Am Abend gab es Spaghetti mit Thunfisch – keine kulinarische Offenbarung, aber in diesem Moment genau richtig.

Kerlingarfjöll: Anstieg, Enttäuschung, heißes Wasser

Der nächste Tag hatte zwei klare Ziele: das Kerlingarfjöll Mountain Resort und einen Naturpool im Tal. Außerdem hatte sich das Gerücht festgesetzt, es gäbe in der Hütte Pommes. Nach mehreren Tagen Tütenessen war das ein erstaunlich starker Motivator.

Die letzten Kilometer nach Kerlingarfjöll gingen fast nur bergauf. Als wir ankamen, war die Sache mit den Pommes schnell geklärt: Angeblich hatte es sie dort nie gegeben. Also wieder Fertigreis.

Der eigentliche Grund, dort zu bleiben, lag ohnehin ein Stück außerhalb des Camps. Mit Badehose und Whisky wanderten wir ins Tal zu einem gemauerten Becken neben einem Gebirgsfluss. Aus einer Seite floss kaltes Gletscherwasser, aus Rohren kam heißes Quellwasser. Nach mehreren kalten und langen Tagen war das auch rückblickend ziemlich nah an Perfektion.

Am nächsten Morgen ließen wir die Räder zunächst stehen und wanderten durch die Umgebung. Schneefelder, Schwefelgeruch, dampfende Spalten und der Gletscher: eine Landschaft, die gleichzeitig unwirklich und sehr direkt ist. Danach ging es mit dem Rad weiter nach Hveravellir – nur 41 Kilometer und etwa 150 Höhenmeter, aber mit dem zweiten heißen Bad der Reise als Belohnung.

Was wir dabei gelernt haben: Nicht zu lange direkt am heißen Zulauf sitzen. Der Kreislauf meldet sich irgendwann. Sehr deutlich.

Panne im Nirgendwo

Auf dem Weg nach Norden wurde die Landschaft langsam grüner und feuchter. Dann ein lauter Knall: Jonas’ Hinterreifen war seitlich aufgerissen, der Schlauch hatte sich durch das Loch gedrückt und war geplatzt. Kein klassischer Plattfuß, sondern ein Reifenproblem an einem Ort ohne schnelle Lösung.

Wir bauten unser Lager auf, teilten Werkzeug und Material und versuchten, aus Resten des defekten Schlauchs, Kleber und sehr viel Panzertape eine provisorische Karkasse zu bauen. Schön war das nicht. Aber es hielt.

Als der Regen aufhörte, wurde aus dem Pannenplatz ein ziemlich guter Zeltplatz im Moos. Wir hatten einen Sonnenuntergang, Whisky und das beruhigende Gefühl, dass die improvisierte Reparatur zumindest bis zur Küste reichen könnte.

Sie reichte. Am nächsten Tag verteilten wir Jonas’ Gepäck auf die anderen Räder und fuhren die letzten 50 Kilometer nach Blönduós möglichst materialschonend. Nach einer Woche Hochland fühlte sich die grüne Küstenlandschaft fast wie das Allgäu an – nur mit mehr Wind und weniger Bäckereien.

Die letzten Kilometer und ein anderer Blick auf Reykjavík

In Blönduós entschieden wir uns, die restlichen rund 250 Kilometer bis Reykjavík mit dem Bus zu fahren. Die Ringstraße wäre fahrbar gewesen, aber weder besonders schön noch angenehm. Stattdessen gab es einen Ruhetag, ein Schwimmbad mit Hot Pots und endlich wieder etwas anderes als Trekkingessen.

Reykjavík fühlte sich nach den vergangenen Tagen seltsam urban an: moderne Architektur, Souvenirläden, Menschen, Verkehr. Wir schauten uns die Stadt an, aber unser Kopf war noch zwischen Schotterpiste, Zelt und heißen Quellen.

Für die letzte Etappe fuhren wir noch einmal etwa 50 Kilometer an der Küste zurück zum Flughafen. Dort wartete tatsächlich noch die versteckte Luftpolsterfolie auf uns. In der Nacht packten wir die Räder wieder flugtauglich ein und fielen irgendwann zwischen Zelt, Kartons und Abflughalle in einen sehr kurzen Schlaf.

Was bleibt

Die Tour war nicht immer leicht. Gegenwind, Dauerregen, schweres Gepäck und die Panne haben uns regelmäßig daran erinnert, dass Abenteuer nicht nur aus schönen Bildern besteht. Gerade deshalb ist sie so hängen geblieben.

Island hat uns kein perfektes Bikepacking-Video geliefert. Es waren nasse Schuhe, improvisierte Reparaturen, kalte Morgen und zu viele Tütenmahlzeiten. Aber auch leere Hochlandstraßen, Gletscher am Horizont, heiße Quellen nach einem langen Tag und das gute Gefühl, mit wenig Komfort sehr weit gekommen zu sein.

Würde ich die Tour wieder machen? Sofort. Vielleicht mit etwas weniger Gepäck.

Tourdaten

  • Strecke: ca. 400 km
  • Höhenmeter: ca. 3.700 hm
  • Fahrzeit: acht Tage auf dem Rad

Route

  • Route: Keflavík → Hafnarfjörður → Þingvellir → Geysir → Gullfoss → Kerlingarfjöll → Hveravellir → Blönduós